Ein Mord, 20 Tage Ermittlungen, 10 Folgen, 1000 Minuten Sendezeit – und der beste TV-Krimi des Jahres!
In Zeiten, in denen – vor allem auf den privaten Kanälen – neue Serien und Formate schneller wieder von der Mattscheibe verschwinden, als man gucken kann und in denen auch bei den öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten vor allem die Quote zählt, erweist sich das ZDF mit der zehnteiligen und rund 1000 Minuten Sendezeit umfassenden Serie „Kommissarin Lund“ (sonntags, 22.00 Uhr) geradezu als mutig. Doch versierte und erfolgreiche Regisseure wie Birger Larsen („Mittsommermord“, „Die fünfte Frau“) und Kristoffer Nyholm („Der Adler“) sowie hervorragende Schauspieler garantieren in dieser dänisch-deutschen Koproduktion Qualität auf höchstem Niveau und bereiten Krimifans an zehn Abenden Krimigenuss der allerbesten Sorte.
Bereits seit fünf Wochen ermittelt Kommissarin Lund zusammen mit ihrem designierten Nachfolger Jan Meyer im Mordfall an der 19jährigen Gymnasiastin Nanna Birk Larsen, und noch weitere fünf nervenaufreibende Wochen sollen vergehen, bevor der Mord aufgeklärt ist – dranbleiben, Freunde! Jede Minute dieser insgesamt rund 1000minütigen und 20 Ermittlertage umfassenden Krimiserie, eine deutsch-dänische Koproduktion, lohnt!
Zeit für Stimmungen, Emotionen und Details ohne zu langweilen
„Kommissarin Lund – Das Verbrechen“ gönnt sich alles, was selbst gut gemachte deutsche TV-Krimis vermissen lassen: Zeit. Zeit zum Erzählen, Zeit, Stimmungen und Emotionen, zuweilen nur wortlose Szenen in intensiven Bildern festzuhalten, Zeit für außergewöhnliche Kamerafahrten und Perspektiven mit Blick für Details, Zeit für ein langsames, aber nicht langatmiges Erzählen, bei dem alle Charaktere, die im Verlauf der Ermittlungen und der Serie noch eine Rolle spielen werden, eingeführt werden, allen voran Nannas Eltern, die politische Sphäre um Bürgermeisterkandidat Troels Hartmann und die Kommissare selbst. So verwebt sich auch im Film in typisch skandinavischer Weise ein Mord mit gesellschaftlich relevanten Themen. Sowohl die langsam voranschreitende Zerrüttung in der Opferfamilie als auch, in einer nicht minder spannenden Parallelgeschichte, die Korrumpierbarkeit durch das politische System werden nuanciert dargestellt. So erscheint der Politiker Troels Hartmann am Anfang beinahe zu sympathisch, zu aufrecht, zu loyal, zu politisch korrekt, um wahr zu sein, doch machen ihn die politischen Machtspielchen und Intrigen, denen er selbst ausgesetzt ist, zusehends machtbesessener, ja unsympathischer und undurchsichtiger. Längst geht es nicht mehr darum, Wissen zu besitzen, sondern es gezielt für seinen Nutzen einzusetzen, und während sich die Hinweise mehren, dass es in dem Mordfall Verstrickungen bis in höchste politische Kreise gibt, wird auch die zäh und unnachgiebig ermittelnde Kommissarin Lund von ihrem Chef kaltgestellt, ja landet vorübergehend sogar selbst in Untersuchungshaft. Dagegen erscheint ihr Nachfolger und Kollege Jan Meyer, obwohl gerade zu Beginn der Ermittlungen sehr aufbrausend, geradezu feige – Auch in dieser Konstellation zweier konträrer Polizistencharaktere liegt also genügend Sprengstoff und Spannung.
Der „Twin Peaks“-Faktor auf skandinavisch
Hinzu kommen eine ansehnliche Anzahl Verdächtiger – schon glaubt man, den Mörder entlarvt zu haben, erweist sich, dass dieser unschuldig ist und die Suche beginnt von vorn –, fein gesponnene Intrigen, Fährten, die sich als falsch erweisen, Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen lügen und ein 19jähriges Mordopfer, das mehr Geheimnisse hatte als einst die „schönste TV-Leiche“ Laura Palmer aus Twin Peaks, die ebenfalls für nie abreißende Spannung sorgen. Vor dem Hintergrund gesellschaftlich aktueller Themen, die ganz plausibel und feinnervig in die Geschichte eingebunden werden und keinesfalls, wie so oft bei deutschen Produktionen, aufgesetzt und grob wirken, machen all diese Faktoren aus „Kommissarin Lund“ ein außergewöhnliches TV-Erlebnis, das zurecht für den Emmy nominiert wurde und in Dänemark bis zu unglaubliche 70 Prozent Marktanteil erreichen konnte.
Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© Oktober 2008 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien
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